Finger weg vom Pellerhaus

ProPellerhaus nennt sich eine Initiative, die am 25.02.2018 Mitglieder von Architekten- und Ingenieur- Verbänden, Bauinitiativen, Vereinen, der TH Nürnberg und Denkmalschützer gegründet haben. Ziel von ProPellerhaus ist der Schutz des nach dem Krieg von den Architekten Fritz und Walter Mayer konzipierten Baus am Egidienberg, der jahrzehntelang Stadt- und Uni-Bibliothek sowie das Stadtarchiv beherbergte. Die Architektur des Gebäudes gehört zu den herausragenden Beispielen des Wiederaufbaus in Nürnberg und steht als solche unter Denkmalschutz. Einige Freunde der Altstadt wollen die stadtbildprägende Fassade abreißen und durch die Kopie des historischen Pellerhauses von Anfang des 17. Jahrhunderts ersetzen. Die Initiative ProPellerhaus wendet sich strikt gegen diese Absicht.

  1. Das historische Pellerhaus fiel nicht – wie angesichts der Debatte der Eindruck entstehen könnte - dem Wiederaufbau, sondern den Bomben des II. Weltkriegs zum Opfer, womit das ursprüngliche Denkmal unwiederbringlich zerstört wurde.

  2. Der Wiederaufbau der unmittelbaren Nachkriegszeit war in Nürnberg nicht das Ergebnis zufälliger Einzelentscheidungen, sondern beruhte auf einer wohldurchdachten Gesamtkonzeption. Die Architekten Buff, Hirschmann, Kröck, Kühnlein, Leonhardt, Mayer, Reichel, Ruf, Schlegtendal, Schmeißner, Schwemmer, Seiler und Seegy bildeten bereits 1948 einen Baukunstbeirat, der als Kuratorium für den Wiederaufbau fungierte.

  3. Leitmotiv für den Wiederaufbau der Altstadt war, auf der Grundlage des historischen Stadtgrundrisses neben das echte Alte qualitätvolles Neues zu setzen: „Nichts wäre schlimmer als in die Reihe der echten historischen Bauten Kopien einzuschmuggeln.“ (Stadtbaurat Heinz Schmeißner, 1950)

  4. Die Architektur des heutigen Pellerhauses am Egidienberg ist ein herausragendes Beispiel für den Wiederaufbau. Nach über 60 Jahren ist das Gebäude inzwischen selbst ein geschütztes Baudenkmal. Es ist ein Unding, ein bestehendes Baudenkmal durch die Kopie eines anderen Baudenkmals ersetzen zu wollen. „Sein Abriß wäre Rechtsbruch.“ (Kulturreferentin Julia Lehner, NN 17.01.2019)

  5. (Bau-)Geschichte ist kein Fertighaus-Katalog, aus dem man sich heraussuchen kann, was gerade gefällt. Geschichte ist ein komplexes Geflecht gesellschaftlichen Lebens, zu dem auch der Erinnerungswert der Menschen gehört. Für uns Heutige steht die markante Bogen-Architektur des Pellerhauses für prägende Bildungserlebnisse während der Schul- und Studienjahre. Ein Abriß würde die Erfahrungswelten zweier Generationen mit Füßen treten.

  6. Architektur ist Heimat. Eine Stadt ist mehr als nur die Ansammlung mehr oder minder pittoresker Fassaden. Häuser sind Im-Mobilien, die man - anders als in Anker-Steinbaukasten oder Architektur 3D- Programm - nicht nach Belieben austauschen kann.

In diesem Sinne setzt sich die Initiative ProPellerhaus für den ungeschmälerten Erhalt des Pellerhauses ein. Die Architektur von Fritz und Walther Mayer in seiner jetzigen Form zu bewahren und wertzuschätzen hat auch etwas mit Respekt vor den Planern und Entscheidungsträgern des Wiederaufbaus zu tun. Dazu gehört auch eine der Würde der Platzbebauung entsprechende Gestaltung des gesamten Egidienberges.

Aus: Chronologie der Wiederaufbauplanung für die Nürnberger Altstadt (2007)

Die selbst formulierten Vorgaben der Planer fasste 1950 Heinz Schmeißner (1905 - 1997), als Stadtbaurat federführend am Wiederaufbau Nürnbergs beteiligt, prägnant zusammen: „Es dürfte jedem Einsichtigen klar sein, dass die Nürnberger Altstadt nicht in einem Allerweltsstil wieder aufgebaut werden kann, vor allem, dass kein Anlass dazu vorhanden ist, den alten Stadtgrundriss aufzugeben. (...)

Eine völlig falsche Auslegung der Traditionsverpflichtungen wäre jedoch der Versuch, einzelne Gebäude oder Straßenteile als Kopien des früheren Bestandes wiederaufzubauen; es würde dem Geist von Alt-Nürnberg in jeder Weise widersprechen, wenn man die einmaligen, verloren gegangenen Meisterwerke der Baukunst durch Surrogate ersetzen wollte! Die erhalten gebliebenen Baudenkmale zu pflegen und die noch ergänzungsfähigen Ruinen wiederaufzubauen, ist eine verpflichtende Aufgabe für die Stadt; darüber hinaus ergeben sich für die Gestaltung der Neubauten in der Altstadt besondere Forderungen hinsichtlich des Maßstabes und des Materials, um die notwendige Synthese zwischen erhaltenem Alten und dem Neuen zu finden. Die historischen Bauten sind dabei wie kostbare Edelsteine einer Kette in eine zurückhaltende Fassung neuer Bauten einzufügen; aber nichts wäre schlimmer, als in die Reihe der echten historischen Bauten Kopien einzuschmuggeln, die auch bei raffiniertester ‚Echtmachung’ stets nur Peinliches an sich haben.“

Nürnberg, 07.03.2019

Brigitte Sesselmann, Architektin BDA und Sprecherin der Initiative ProPellerhaus mit Gerhard Liedtke, Pressearbeit

Roland Nörpel